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Komitas

KOMITAS VARDAPET

Der Patriarch Georg der IV. war höchst erstaunt das der Waisenjunge kein Wort armenisch sprach. Archidiakon Derzakian hatte ihn aus der Türkei mitgebracht um ihn an dem Seminar erziehen zu lassen.

„Deshalb bin ich zu ihnen gekommen! Um armenisch zu lernen.“
Sagte der Junge. Als er mit seiner schönen Stimme die Scharakan sang war der Patriarch entzückt,obwohl der Junge kein Wort dessen verstand was er sang.

Viele Jahre später, als Erwachsener, wird dieser Junge Soghomon Soghomonian berühmt werden als einer der größten Experten für die Neu- und Altarmenische Sprache.
Aber nicht nur diese Kentnisse werden ihn bekannt machen.

Als Komponist, Wissenschaftler für armenische Volksmusik Sänger, Chordirigent und Pädagoge macht er sich unter dem Namen KOMITAS einen Namen und geht in die Geschichte der Weltkultur als ein Klassiker der armenischen Musikgeschichte ein.

Ungern erinnert sich Komitas an seine Kindheit. In ärmlichen Verhältnissen wächst er auf, verliert früh beide Eltern. Einzig seine Stimme hilft ihm in diesen ersten Jahren als Waise seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Dank dieser Stimme gewinnt er einen Wettbewerb für Waisensänger.
Im Jahre 1881 bringt man den Jungen zum Etchmiazin Seminar.
In dieser neuen Umgebung beginnt für den kleinen Soghomon ein Lebensabschnitt geistiger und schöpferischer Erfüllung.

Stellen Sie sich vor, welche Erfüllung es für Ihn darstellte als er die Kulturgeschichte Armeniens kennenlernte.

Zu dieser Zeit wurden viele wichtige Handschriften in Etchmiazin aufbewahrt. Nicht nur
Texte armenischen Ursprungs, sondern oft auch Abschriften von Texten aus anderen Kulturen, deren Urtexte aus verschiedenen Gründen bereits verloren waren.

Etchimiazin, als Hauptresidenz des Patriarchen aller Armenier. Diese Raritäten wurden zudem auch in der größten nationalen Bibliothek aufbewahrt, dem Internationalen wissenschaftlichen
Zentrum Matenadaran.

Komitas war von der geistigen Erhabenheit und liberalen Weltanschauung armenischer Denker des Mittelalters begeistert.
Einer der größten Vertreter der mittelalterlichen armenischen Dichtung, NAREKAZI wollte im Menschen die edlen göttlichen Eigenschaften sehen.

Nicht gefangen sondern befreit, nicht das Leben nehmend, sondern zum Leben führen, nicht verraten sondern retten.

Wenn Gott einmal Menschen leiden lässt, so versucht Narekazi Ihn im inneren Dialog dazu zu überreden gute Dinge zu tun. Im Unterschied zu den sterblichen Menschen wird Gott immer das richtige tun. Wörtliche Übersetzung Narekazi Für Deine Großzügigkeit wirst Du nicht angefeindet.
Für Deine Freimütigkeit wirst Du nicht Verleumdung erfahren. Für Deine Gabe wirst Du nicht beschimpft. Für Geduld nicht verurteilt.

Für Deine Vergebung werden die Menschen Dir nicht spotten, Für Deine Güte Dich nicht rügen. Für Deine Milde wirst Du nicht beleidigt, Für Deine Sanftmut wirst Du nicht verachtet. Viele armenische Denker des Mittelalters waren zugleich Autoren geistlicher Gesänge. Komitas lernte die Namen der Meister dieser Epoche kennen.

Darunter im fünften Jahrhundert MESROP MASCHTOZ (Begründer
der armenischen Schrift) und SAHAK PARTEV, STEPHANNOS SIUNEZI sowie KOMITAS ACHZEZI, dessen Namen Soghomon in Anerkennung seiner Begabung annahm als er zum höheren Mönch geweiht wurde.

Im 10ten Jahrhundert war GRIGOR NAREKAZI, im 11ten Jhd. GRIGOR MAGISTROS, im 12ten NERSES SCHNORHALI, im 13ten HOHANNES JERSNKAZI. JERSNKAZIs Traktate fesselten Komitas aufgrund seiner Angaben über die lange Tradition im Bereich Musiktherapie seit dem Mittelalter.

Am meisten jedoch interessierte sich KOMITAS für die strenge und feierliche Schönheit der aus der Tiefe der Jahrhunderte kommenden armenischen Gesänge.

Diese spielen mit Licht und Dunkelheit, Lossagung und Versenkung im Gebet.

Der Komponist selbst sang diese Gesänge nicht nur, sondern transkribierte diese, verglich sie miteinander, in manchen Fällen stellte er sogar die Verwandtschaft zu armenischen Volksliedern fest.
Diese Forschungen prägen später die Charakteristik seiner Werksliturgie, seine eigene Kompositionstechnik.

Die große Begabung KOMITAS offenbarte sich nicht nur in seinen Kompositionen. Seine eigenen Dichtungen verbarg er sorgfältig vor der Außenwelt.
Erst 34 Jahre nach seinem Tod (1964) wurde eine Broschüre mit seinen literarischen Werken herausgegeben.

Durch sein ernsthaftes Studium am Etchmiazan Seminar seinen Fleiß und sein Zielbewusstsein schloss er sein Studium mit großem Erfolg ab.

Interessant ist, das er selbst Unterricht in Musiktheorie gab, ferner wegen seiner großen mathematischen Begabung sogar Prüfungen in Algebra und Geometrie abnahm.

Doch KOMITAS größte Leidenschaft blieb das Erfassen und dokumentieren armenischer Volkslieder. Seine Zeitgenossen erinnern sich daran, das Komitas nicht nur hervorragend singen konnte, sondern zudem auch hinreißend auf Volksmusik tanzen konnte.

Später gibt KOMITAS die Welt der temperamentvollen Volkstänze in seinen Klavierminiaturen wieder.
Sein Studium an der Akadiemie von Etchmiazin genügte Komitas nicht, weil er zu wenig möglichkeiten sah, sich mit der europäischen Musiktradition intensiver auseinanderzusetzen.

Komitas führte sein Studium bei MAKAR Jekmalian weiter, der im Konservatorium von Sankt Petersburg ausgebildet war und in Tiflis lebte. 1886 reiste er nach Berlin um an der privaten Musikhochschule von Professor Richard Schmidt seine Kenntnisse zu vertiefen.

Zugleich schrieb sich Komitas an der Friedrich—Wilhelm-Universität (heute Humboldt Universität zu Berlin) im Bereich Musikwissenschaften ein.

Seine Lehrer waren: Professor Max Friedländer, Sänger und Musikwissenschaftler sowie Professor Oskar Fleischer an der Berliner Universität, sowie Gottfried Heinrich Bellermann, Experte für altgriechische Musik an der Musikhochschule von Richard Schmidt. Oskar Fleischer erkannte das Talent von Komitas und führte ihn in die neu begründete Internationale Musikgesellschaft ein, diese veröffentliche Komitas Forschungen über die armenische Kirchenmusik.

Die große Bedeutung von Komitas deutschen Lehrern lag darin das sie seinen ungewöhnlichen originalen Musikstil armenischer Art sehr schätzten, ihn darin förderten. Sie nannten seinen Stil eine Neuigkeit in der damaligen Musikwelt. Im Jahre 1899 wurde Komitas von der Internationalen Musikgesellschaft nach Berlin eingeladen um einen Vortrag über die armenische Kirchen- und Volksmusik zu halten.

Das Interesse an seiner Veranstaltung war so groß, das man den Vortrag noch einmal wiederholen musste. Komitas legte nicht nur nur zum ersten Mal die Eigenart der armenischen Musik dar, sondern verglich diese auch mit persischer, arabischer, türkischer und kurdischer Musik. Nach diesem Vortrag drückte der Vorsitzende der Gesellschaft, Oskar Fleischer, in einem Brief seine Bereitschaft aus, die Herausgabe wissenschaftlicher Arbeiten von Komitas zu unterstützen.

Während seiner Berliner Studienjahre war Komitas Urheber einer meiner Meinung nach interessanten Neuerfindung. Er übersetzte geistliche armenische Gesänge ins Deutsche, transkribierte sie für einen vierstimmigen Chor und harmonisierte sie nach den Gesetzen der europäischen Harmonielehre.

Diese Chöre sind als Zyklus aufzufassen, einige Musikwissenschaftler nennen sie Kantate.

Wenn man diese hell klingenden mit heiligem Licht strahlenden Monodien analysiert, kommt man zu der Folgerung das der Komponist wahrscheinlich versuchte eine universelle kirchlich-geistige Sprache für die gesamte altchristliche Welt zu entwickeln.

Verständlich für jedes europäische Publikum.
Nach seiner Rückkehr nach Etchmiazin wurde er zu Leiter des Chores seiner Akademie. Diese Zeit ist die fruchtbarste Periode seiner kompositorischen und wissenschaftlichen Laufbahn. Diese Tätigkeit tritt aus dem Rahmen seiner eng nationalen Ziele heraus. Er erforschte die Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Volksmusik verschiedener Nationen. Er wagte einen Blick in das zukünftige Schicksal dieser Nationen unter dem Aspekt ihrer musikalischen Entwicklung.

Darin liegt vielleicht der geschichtliche Wert von Komitas als Gelehrtem und Mensch.
Parallel zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit beschäftigte sich Komitas mit Solo- und Chorbearbeitungen von Volksliedern. Er fuhr mit seinen Konzertauftritten und wissenschaftlichen Vorlesungen in verschiedenen Länder Europas fort, darunter Frankreich Schweiz und Italien.

Seine Situation in Etchmiazin wurde für ihn zunehmend schwieriger, Die „säkulären Interessen Komitas widersprachen den Gesetzen für Ordensmitglieder und wurden von der obersten Kirchenleitung nicht unterstützt.

Aus diesem Grund beschloss Komitas nach Konstantinopel zu gehen. Im Jahre 1914 hält Komitas in Paris seine letzten Vorträge über die armenische Musik und die khasen (Neumen, historische Notationsform) im Rahmen des Kongresses der Internationalen Musikgesellschaft.

Professor Frederic Macler von der Sorbonne-Universität schrieb später:
„Seine Vorträge über Volksmusik waren die denkwürdigsten Ereignisse zwischen den Kongresssitzungen. Wenn Komitas sich an das Klavier setzte und leise ein armenisches Lied sang waren alle wie versteinert, erobert von der Würde und der Einfachheit die so charakteristisch für das armenische Lied ist“ Ein Jahr später wurde Komitas verhaftet und in die türkische Provinz verbannt.

Er wurde zum Zeuge des armenischen Genozids, unter den Opfern waren auch seine Freunde, die Dichter Daniel Warujan, Siamanto, Ruben Sewak, der Schriftsteller Grigor Sohrab und andere.

Aus dem Exil kam er als ein anderer Mensch zurück,. Verschlossen und fremd. Das Jahr verging in großer seelischer Qual. In Komitas letztem Schriftstück erklingt eine Anklage, entlarvt er die tierische Gewalt, tadelt die empörende Gleichgültigkeit der Ihn umgebenden Welt.

Im Frühling 1916 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rapide, so das man ihn in eine Nervenheilanstalt in Paris brachte.

Doch es gab keine Hoffnung das er genesen könnte. Die Ärzte zeigten sich erstaunt, das ein Mann mit so tadelloser körperlicher Gesundheit seinen Verstand so ganz verlieren konnte. Im Jahre 1935 verstarb Komitas.

Seine sterblichen Überreste wurden nach Eriwan gebracht und im Stadtpantheon für armenische Künstler begraben.

Die Ereignisse des Jahres 1915 beeinflussten auch das Schicksal von Komitas Archiv tragisch.
Seine Arbeiten wurden über die ganze Welt verstreut, viele gingen vollständig verloren.
Spurlos verschwand seine Abhandlung über die so genannten KHASEN. Ein Großteil der von ihm aufgeschriebenen Volkslieder sind bis heute verschollen.

Zu Beginn seiner schweren Erkrankung war ein in Paris Ausschuss gegründet worden, der sich zum Ziel setzte dem kranken Komponisten materielle Hilfe zu leisten und seine verbliebenen Aufzeichnungen zu publizieren. Dies war die Begründung des Komitas-Archivs. Ab 1960 begann die Herausgabe des Gesamtwerks von Komitas durch die Wissenschaftliche Akademie Armeniens. Redakteur war der armenische Musikwissenschaftler Robert Atajan.

Nach Atajans Tod wurde seine Arbeit durch den Doktor der Kunstwissenschaften Georgi Geodakian vollendet.Heute ist das Gesamtwerk Komitas veröffentlicht, insgesamt 14 Bände. Der letzte Band wurde im Jahre 2006 herausgegeben.Inzwischen erklingt die Musik von Komitas weiter in alle Welt, KOMITAS 140 Jubiläum wurde 2009 gefeiert.

Sein Werk findetzunehmend einen größeren Freundeskreis.

Autor: Prof. Dr. Dr. Karine Jaghatspanyan